André ([info]n_true) wrote,
@ 2009-05-30 22:48:00
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Korpusanalyse von "einzigste"
Wozu so ein Korpus doch alles gut sein kann, ne? Was mich schon länger interessiert, sind angebliche "Fehler" in der deutschen Sprache. Meist verzapft Bastian Sick ja solche Sachen, behauptet, dies sei falsch und jenes sei ein Anglizismus... wenn man in Deutsch- und Grammatikforen liest, begegnet man ständig irgendwelchen Beiträgen, die anfangen mit Phrasen wie "Immer wieder muss ich hören...", "In letzter Zeit lese ich immer häufiger..."; man liest, dass Sprachverlotterung Einzug hält und fast immer rollen sich den Leuten angeblich die Fußnägel hoch oder machen andere abartige Sachen.
Doch einige haben den Kampf gegen Bastian Sick und seine "Freunde" aufgenommen und kritisieren seine unreflektierte Sprachkritik, belegen dies sogar mit wissenschaftlichen Fakten aus der Linguistik, wie André Meinunger das in seinem Buch Sick of Sick? – Ein Streifzug durch die Sprache als Antwort auf den »Zwiebelfisch« tut, wie es einige von ihm auch zitierte Blogschreiber machen (z.B. der Bremer Sprachblog. Ich unterstütze sowas immer gerne.

Nun interessieren mich auch die Teile der Gerüchte, die da heißen: "seit neuestem sagt man", "früher hätte man das nicht so gesagt" oder "das kursiert seit einigen Jahren". Dazu ist Korpusanalyse praktisch, denn so lässt sich herausfinden, seit wann es einen bestimmten Ausdruck mindestens gibt und wer ihn bisher schon benutzt hat. Teilweise ist das recht interessant, da ganz berühmte Autoren wie Goethe oder Lessing Wörter benutzt haben, die heutzutage von vielen Anhängern der Sick-Trilogie als Fehler angesehen werden.

Vielleicht werde ich immer mal über solche Fälle berichten, ich weiß es noch nicht. Heute soll's erstmal nur um ein einzelnes Wort gehen, nämlich einzigstes (und Deklinationsformen). Ums kurz zu machen, die Gründe dagegen liegen auf der Hand: das Wort "einzig" ist logisch betrachtet nicht steigerbar, es ist quasi ein absolutes Adjektiv, wenn etwas mehr als einzig ist, ist es nicht mehr einzig, wenn es weniger ist, ist es ganz weg. Dennoch gibt es das Wort. Warum?
Das Stichwort lautet "Hyperlativ" bzw. "Elativ", was genau die Unterschiede sind und was dazu gehört, die Definition und ob "einzigstes" nun ein Hyperlativ, ein Elativ oder beides ist, darauf möchte ich jetzt nicht eingehen. Fest steht, dass die Form zwar formal wie die höchste Steigerungsstufe aussieht, pragmatisch gesehen aber nicht als solche fungiert (kann sie ja auch gar nicht!), sondern in dem Fall bloß betont ist. Das Superlativsuffix hebt das Wort bzw. seine Semantik noch ein Stück hervor. Ähnliche Phänomene gibt es auch in anderen Sprachen, z.B. Arabisch, Spanisch, Latein, Itelmenisch...

Doch nun zur Korpusanalyse. Ist die Verwendung des Wortes tatsächlich neu? Benutzen nur einfältige und ungebildete Menschen dieses Wort? Wir werden sehen. zeno.org, die größte deutschsprachige Volltextbibliothek und das Projekt Gutenberg sind da sehr nützlich:


  • 1774: Johann Wolfgang von Goethe: Brief an Johann Christian Kestner: ...binnen hier und einem Jahr versprech ich euch auf die lieblichste, einzigste, innigste Weise alles was noch übrig seyn mögte...

  • 1781: Leopold Mozart: Brief an seine Tochter: ...meine einzigste Absicht ist, weiß Gott, Ihnen und uns allen zu helfen...

  • 1788: Friedrich Schiller: Der Gegner: ...man hat ja selber den höchsten, einzigsten, reinsten Begriff Gottes in Teile geteilt.

  • 1791: Christoph Martin Wieland: Göttergespräche: ...und in einer Verwirrung und Eilfertigkeit, die das einzigste Gemälde in seiner Art abgegeben hätte...

  • 1792: Wilhelm von Humboldt: Brief an Georg Forster: ...und der einzigste Gesichtspunkt, aus dem ich die ganze Materie behandelt habe.

  • 1831: Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie zweiter Teil, 3. Akt: Durchgrüble nicht das einzigste Geschick!

  • 1812: Jacob & Wilhelm Grimm: Vom Prinzen Johannes: ...bis ihm der einzigste Anblick der schönen Sonnenprinzessin gewährt wurde.

  • 1822: Heinrich Heine: Briefe aus Berlin, 2. Brief: Das war der einzigste Mensch, in dessen Gesellschaft ich mich nicht langweilte...

  • 1825: Johann Wolfgang von Goethe: Brief an den Großherzog Carl August: wenn wir den unziemlichen Situationen begegnen, die, einzig in ihrer Art, die einzigste Verkehrtheit andeuten!

  • 1851: Arthur Schopenhauer: Aphorismen: Mit recht sagt daher Gracian: »Das einzigste Mittel beliebt zu sein, ist, daß man sich mit der Haut des einfältigsten der Tiere bekleide.«

  • 1909: Meyers Großes Konversationslexikon, Eintrag "Tûn": ...nahezu die einzigste Festung Persiens...

  • 1967: Theodor Storm: Im Nachbarhause links: Es ist meine einzigste Freude...

  • 1975: Kurt Tucholsky: Die verzauberte Prinzessin: ...das ist auch das einzigste, was er kann.



Und das ist nur eine kleine Auswahl. Die Giganten der Literatur benutzen das Wort seit ca. 250 Jahren und vermutlich viel länger (weiter reicht der Korpus evtl. nicht zurück) und auch die Gebrüder Grimm, die damals eines der ersten(?) deutschen Wörterbücher schrieben, sich in den Philologien und der deutschen Grammatik ihrer Zeit bestens auskannten, haben das Wort gebraucht. Was sagt uns das? Was ist der Grund, das Wort heute als falsch zu bezeichnen oder es in die Umgangssprache abzuschieben? Das ist mir völlig unverständlich.



(2 comments) - (Post a new comment)

Das sind nicht die einzigsten Beispiele ...
[info]schplock.wordpress.com
2009-06-01 11:48 am UTC (link)
... das Grimmsche Wörterbuch stellt lapidar fest (http://www.woerterbuchnetz.de/woerterbuecher/dwb/wbgui?lemid=GE03207):

4) einzig wird durch den superlativ noch erhöht: dasz das menschengebild am vorzüglichsten und einzigsten das gleichnis der gottheit an sich trägt. GÖTHE 17, 293 [...]
5) auch fürs adv. gilt steigerung: einzigst geliebt. [...]

(Reply to this) (Thread)

Re: Das sind nicht die einzigsten Beispiele ...
[info]n_true
2009-06-01 12:01 pm UTC (link)
Ah, nett! Ich hatte mich gefragt, ob die Grimms in ihrem Wörterbuch vllt. etwas anderes behaupteten. Noch mehr Evidenz, super! =)

(Reply to this) (Parent)


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